James, Racoona, Alice, Sheldon/Tiptree jr.

In den Achtzigerjahren erwachte mein Lesedrang, den ich in der Schule, mangels spannenden Stoffes, nicht sehr zu unterdrücken hatte. Er rührte sich einfach nicht und auch die im Lesebuch vorzufinden Happen strahlten keine besondere Motivationskraft auf ihn aus. Es war daher nicht weiter verwunderlich, das ich Lesen als Arbeit und wenig erspriessliche Anstrengung empfand. Mein Lesedrang verkümmerte zu einem trägen Kellerhund, der lieber im Schatten döste, als auf Katzen oder Eichhörnchen Jagd zu machen. Das änderte sich jedoch rasch, als ich bei einem Freund ein Buch aus dem Heyne Verlag fand, das gerade auf seinem Schreibtisch lag. Er meinte ich könne es lesen, weil ich es so intensiv anstarrte. Das Cover hatte es mir angetan, der Inhalt jedoch war mir eher gleichgültig. Ich willigte mehr aus Verlegenheit ein und nahm “Die Feuerschneise“ mit nachhause. Da ich nicht weiter in Verlegenheit geraten wollte, begann ich mit dem Lesen, umes baldmöglichst als konsumiert zurückgeben konnte. Der Kellerhund setzte sich zwar nur widerwillig und knurrend in Bewegung, aber das Wunder geschah. Mit einer Flinkheit, die ich ihm niemals zugetraut hatte, bewegte er sich aus dem Schatten und jagte dem nächstbesten Eichhörnchen hinterher. Die Buchstaben und Seiten flogen vor meinen Augen nur so dahin und als ich endlich innehielt, hatte ich gut vierzig Seiten gelesen. Rekord für einen eher demotivierten Zwölfjährigen. Der Stil des Autors hatte mich gepackt, obwohl ich garnicht wusste, dass so etwas wie Stil überhaupt gab. Es existierten bis dahin nur Anhäufungen von Buchstaben und Wörtern, zusammengefasst in Sätzen, die irgendwelchen kruden und undurchschaubaren Regeln unterworfen waren. Ich sah mir das Cover an und las dankbar den Namen »James Tiptree jr.« Der Name eines Mannes, der mir -gleich einem Obi Wan Kenobi – half, meine ersten Schritte in eine größere Welt zu tun.Es blieb natürlich nicht aus, dass mich James Tiptree jr. bei meinem schriftstellerischen Werdegang begleitete. Sei es durch seine Phantasie, die mich von Beginn an inspirierte, oder mehr noch durch seine Art zu schreiben. Besonders stolz machte es mich, als mir einer meiner Leser auf einer Science Fiction Convention sagte, mein Stil würde ihn sehr an James Tiptree erinnern. Und das sei sehr angenehm.Nach all den Jahren und den vielen Büchern die ich gelesen habe, fällt es mir schwer aus dem Stegreif Titel und Inhalt seiner Werke zu nennen. In einer Sf-Anthologie des Heyne Verlages stach eine Geschichte besonders heraus, die mir bis Dato unbekannt war. Der Mann, der sich auf den Heimweg machte, so der etwas sperrige deutsche Titel. In der Geschichte geht es um einen Mann, der aufgrund eines missglückten Experimentes sein Leben als Erscheinung fortsetzen muss, die jedes Jahr, zur selben Zeit am selben Ort auftaucht. Gefangen in einer immer wiederkehrenden Momentaufnahme des Unglücks. Doch einem der Beobachter, der Jahr für Jahr zu der Erscheinung pilgert, fällt eine Veränderung auf. Es handelt sich keineswegs nur um das starre Abbild eines unglücklichen Mannes im Augenblick eines Unfalls. Der Mann bewegt sich.Hier die Auflösung (Achtung Spoiler):Aus den normalen Zeitkontinuum geworfen vergehen die Abläufe um ihn herum schneller. Eine Sekunde für ihn, bedeutet ein Menschenleben außerhalb seiner Zeitblase, oder wie immer man das nennen mag. Interessant ist, wie die Menschen außerhalb dieser Blase auf sein jährliches Erscheinen reagieren und es deuten.Ein/e Lesenswerte/r Autor/in
Hier ein Link:

https://de.m.wikipedia.org/wiki/James_Tiptree_junior

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