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NOMADS 11 – Gesprengte Ketten

Kapitel 3

Zyrus Korren hatte vom Cockpit aus einen guten Ausblick über das Land. Texas hatte sich seit seiner Urbanisierung erfolgreich gegen eine dichte Besiedelung gewehrt. Weite, unbewohnte Landstriche beherrschten das Bild. Milner lenkte das kleine Schiff in einen steilen Abwärtsflug und steuerte es anschließend knapp über Felsen und Sanddünen hinweg. Es ging hinein in etliche Canyons und Schluchten, deren Wände sie neugierigen Blicken entzogen.
Nach einigen Minuten verlangsamte Milner die Geschwindigkeit. Das Schiff verlies den Schutz eines tief eingeschnittenen Tales und jagte über in eine weite Ebene hinweg, die wiederum von kleinen Tälern durchzogen war. Ein Labyrinth ausgetrockneter Flusstäler, dass sich bis zu Horizont zog. Zyrus erkannte Häuser, und Siedlungen, die sich im Schutz der Canyons ausdehnten. Etwas weiter entfernt schoben sich die Reste einer Keymonklinge aus dem Boden. Sie glänzte im Sonnenlicht und bildete das Zentrum einer größeren Ansammlung von Gebäuden. Eine kleine, schäbige Stadt aus Barraken, Containern, Schiffswracks und Häusern aus billigem Beton.
„Euer Stützpunkt?“, wollte Zyrus wissen.
Nicole Frasier schüttelte den Kopf. „Nein. Unser Stützpunkt liegt noch weiter nördlich. Hier machen wir nur einen Zwischenstopp. Geschäftliche Sache. Außerdem müssen wir erst die Lage sondieren?“
„Solare Armee?“
„Akkatos“, berichtigte Nicole. „Die sind vor einiger Zeit mit einigen Schiffen gelandet. Sie machen Jagd auf Menschen.“
Zyrus hielt das für unwahrscheinlich. „Die machen uns Konkurrenz?“
„Sieht so aus“, erklärte Nicole weiter. „Sie haben ein Gebiet abgesperrt und lassen niemanden rein, oder darüber hinwegfliegen. Wir können nur vermuten, was dort abläuft. Unser Stützpunkt liegt zwar außerhalb der Zone, aber manchmal treffen man auf Erkundungstrupps der Pferdeköpfe.“
„Wir werden in der Abenddämmerung am Stützpunkt ankommen“, ergänzte Milner. „Die Akkato machen nur nachts ihre kleinen Exkursionen.“
„Weiss man, warum sie das machen?“, wunderte sich Korren. „Ich meine, wenn sie Menschen entführen wollen, warum dann so ein Aufwand?“
„Wer weiss schon, was in deren Schädeln vorgeht?“, sagte Nicole Frasier. „Hauptsache sie kommen uns nicht in die Quere.“
Das Schiff setzte auf. Es stand nun auf einem Platz vor dem Wrackteil der Keymonklinge, das wie eine Kathedrale wirkte. Auf Zyrus machte das Ganze einen irgendwie sakralen Eindruck. Als sei dieser Ort ein Tempel, oder eine Kirche. Aus irgendeinem Grund fröstelte es ihn bei diesem Anblick.
„Willst du dir mal das Tabernakel ansehen?“, fragte Nicole. „Ist spannend. Der Reverend hat bestimmt nichts dagegen.“
Alles in Zyrus sträubte sich dagegen, aber er spielte das Spiel mit, um keinen Verdacht zu erregen.
„Ja“, sagte er. „Ich liebe spannende Sachen.“
Nicole führte ihn ins Freie. Milner folgte mit etwas Abstand. Zyrus sah unzählige, bunte Gebetsfahnen, die an langen Seilen hingen, die sich von Hausdach zu Hausdach über Straßen und Gassen spannten. Etliche der farbigen Wimpel flatterten zwischen den angrenzenden Gebäuden und der Spitze des glänzenden Kegels im Wind. Ein großes, Tor, mit kupfernen Türflügeln öffnete sich, als Nicole sich mit ihren Gefährten näherte. Vier bewaffnete Männer traten heraus. Sie trugen blutrote Uniformen. Ihre Gesichter hinter weißen Totenkopfmasken verborgen. Die verchromten Plasmagewehre glänzten im Sonnenlicht.
Zyrus trat mit Nicole durch das Tor. Im inneren des Tabernakels empfing ihn Stille und Dunkelheit. Weihrauchgeruch hing in der Luft. Im Schein von Kerzen zeichneten sich die Umrisse eines Keymon ab, dessen Körper zwischen Kabeln und Schläuchen eingesponnen schien. Zyrus zweifelte nicht daran, dass es sich dabei um einen echten Keymon handelte und nicht um eine Statue.
Nicole ging mit zügigen und wenig ehrerbietigen, feierlichen Schritten auf einen Mann zu, der vor dem Keymon kniete. Er hatte gerade eine Kerze entzündet und fügte sie in eine ganze Reihe von Kerzen ein, die sich auf den Stufen vor dem Keymon befanden.
„Ich erkenne dich an deinen Schritten, Nicole, meine Liebe“, sagte der Mann, bevor er sich erhob, beiläufig einen breitkrempigen Predigerhut aufhob und sich umwendete um seine Gäste anzublicken. „Ihr seid hier um die Gefangene abzuholen?“
„Ja, das sind wir“, antwortete Nicole.
Der Mann vor dem toten Keymon trug einen schwarzen Anzug, mit dem hochstehenden weißen Kragen eines evangelikalen Priesters. In seinem schmalen, bleichen Gesicht glänzten blaue Augen. Er hielt den Hut in seinen Händen, vor seiner Brust.
„Wer ist dein Begleiter?“, wollte er von Nicole wissen. „Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen. Oder täusche ich mich?“
„Er ist ein Gast. Kommt von weit her.“ Nicole sah Zyrus an. „Er heißt. Ferris Wheelan. Gehörte zu Mendlers Truppe.“ Sie deutete auf den Priester. „Das ist Reverend Ezechiel Curtis. Er leitet diese Geschäftsstelle schon seit Jahren.“
„Du machst mich älter, als ich bin“, protestierte der Reverend halb im Spaß, halb im Ernst und widmete sich dann Zyrus. „Gehören Sie zu denen die das Ableben Mendlers bedauern, oder sich insgeheim darüber freuen?“
„Das kommt auf den jeweiligen Standpunkt an“, gab Zyrus zurück.
„Den Standpunkt?“
„Den Freundschaftlichen oder den Geschäftlichen. Ich kannte Mendler kaum, um eine Freundschaft aufzubauen. aber er bot mir eine sichere Einkommensquelle, die ich sehr geschätzt habe. Die ist jetzt weg, was bedauerlich genung ist. Jetzt setze ich alles daran, mich nicht in die Schusslinie zu bewegen.“
„Bist du das nicht schon?“
„Noch nicht.“ Zyrus setzte alles daran, überzeugend zu wirken. „Aber ich bin sicher, dass Blake keine halben Sachen macht und ich will noch eine Weile am Leben bleiben.“
Der Reverend sagte einige Sekunden nichts. Schließlich hatte er sich eine Frage überlegt, die er Zyrus stellen konnte. „Was war deine Aufgabe?“
Zyrus Gedanken rasten. Er musste sich eilig eine Story zusammenlegen, die man ihm abkaufen konnte. Immerhin besaß er einige Informationen über das Netzwerk der Fledds, die er nutzen konnte. Auch ein paar persönliche Erfahrungen waren darunter.
„Ich habe mich um die Frachter gekümmert“, erklärte er. „Transport Eskorte. Meine Route lag zwischen der Baxter-Station, bis der Stützpunkt aufflog und dem Zeta Sprungpunkt, wo die Bossku die Ware abholen.“
„Baxter?“ Der Reverend nickte. „Dann kanntest du Freddy Brandt?“
„Ich kannte ihn.“
„Und?“
„Ich kannte ihn gut genug, um Verhandlungen nur in seinem Büro abzuwickeln und nicht in seinem Schlafzimmer.“
Das traf offenbar den richtigen Nerv beim Reverend. Was auch immer für perverse Abgründe in dem Mann schlummern mochten, er legte er Wert auf puritanische Sittenmaßstäbe, wie die meisten religiöse Eiferer. Gegenüber Gewalt und Blutvergießen besaßen sie jedoch eine eher tolerante Einstellung.
„Auch über sein Ableben habe ich keine Träne vergossen“, meinte der Reverend. „Doch Baxter war ein Verlust, der uns sehr viel gekostet hat. Darf ich fragen, wie sie mit Freddy in Kontakt kamen?“
Zyrus erinnerte sich an ein kurzes, aber intensives Einweisungsgespräch, dass er mit Blake geführt hatte. Dank seinem guten Gedächtnis konnte er sich fast Wort für Wort daran erinnern.
„Ich gehörte damals zu einer Söldnereinheit. Auf Baxter wollten wir uns mal umsehen und neue Kontakte knüpfen. Freddy hat uns eingeteilt die Jägertrupps zu schützen, sollte Polizei oder Militär auftauchen.“
„Und was ist mit deinen Kameraden?“
„Kamen bei Blakes Angriff ums Leben. Ich konnte mich retten und es gelang mir, mich Mendler anzuschließen.“
„Wieder Frachtsicherung?“
„Ja.“
„Warum habe ich dann noch nichts von dir gehört.“
„Dann wäre ich kein Profi“, log Zyrus. Überrascht darüber, wie schnell ihm eine logische Begründung einfiel. „Meine Leute und ich waren wie Schatten. Wäre unvorteilhaft für uns, würde man uns kennen.“
„Hätte er nur so viel Sorgfalt auf seinen Körper gelegt.“ Der Reverend schüttelte traurig den Kopf. „Ich bin mir sicher, dass der Herr ihn gerichtet hat, wegen der Sünde der Völlerei und der Verachtung des Leibes. Eine von Gottes gütigen Gaben. Wer mit diesem Gut handelt, sollte mit vortrefflichem Beispiel vorangehen, meinst du nicht auch Ferris?“
Die Fotos, die Zyrus von Blake erhalten hatte, zeigten Mendler als einen sportlichen Mann, in mittleren Jahren, in sehr guter Kleidung und gepflegtem Äußeren. Selbst das Bild seiner Leiche hätte sich noch gut auf der Titelseite einer Fashion und Livestyle Agentur gemacht.
„Mendler kann man vieles vorwerfen“, antwortete Zyrus. „Aber gewiss nicht, dass er sich hätte gehen lassen. Das muss dann ein Anderer sein, von dem Sie da sprechen.“
Der Reverend schien zufrieden. „Mendler hat sich nur Wenigen zu erkennen gegeben und zog es vor im Dunkeln zu bleiben.“ Er studierte Zyrus Gesicht einige Momente. „Du bist auf der Suche nach einer neuen Karriere und Gott hat dich direkt zu uns geschickt. Nicole wird dir gewiss eine passende und lohnende Aufgabe zuweisen. Ich gehe davon aus, dass du eine Tätigkeit suchst, die dich erfüllt und zufrieden macht.“
Nicole Fraiser und Milner wechselten Blicke. „Ich denke, er hat Chancen, jetzt, wo du ihn abgeklopft hast.“
„Ich benötige ebenfalls Leute, die gut mit der Waffe umgehen und unserer Ware schützen können. Jetzt umso dringender, nachdem der Druck von allen Seiten wächst.“
„Wegen der Akkato?“, wollte Zyrus wissen.
„Die sind natürlich auch ein Faktor“, sagte der Reverend. „Aber die Pferdeköpfe verfolgen ihre eigenen Geschäfte. Wir gehen ihnen aus dem Weg und so gibt es keine Schwierigkeiten.“
„Probleme machen die neuen Regierungen“, meinte Nicole. „Überall organisieren sich kleine Gruppen, die meinen die Dinge neu ordnen zu müssen.“
„Noch vor ein paar Jahren war alles so einfach.“ Der Reverend legte einen Ton von Wehklage in seine Stimme. „Gott wendet sich ab. Wir haben ihn erzürnt. Seine Vorgaben sind hoch und unser Bemühen ist schwach. Wir müssen wieder besser werden.“
Es war Zyrus klar, dass er nicht von moralischem Streben sprach, sondern von der Jagd auf Menschen. Der Mann widerte ihn an. Alle hier widerten ihn an.
„Die Ernte ist also schwierig“, sagte Zyrus.
Der Reverend nickte. „Ja. Es wird zunehmend schwieriger, die Kunden zufriedenzustellen. Auch die Boten, die wir mit unseren Sünden zu Gott senden wollen, werden weniger. Unversehrte, vollkommene Boten, sind schwer zu finden.“ Er schüttelte theatralisch den Kopf. „Wir haben immer weniger Möglichkeiten Erlösung zu finden. Die Last unserer Sünden erdrückt uns und wir können kaum Erleichterung erlangen. Vergebung rückt in immer weitere Ferne, doch die Schande der Befleckten bleibt.“
„Scarabei Sacer“, sagte Milner.
„Scarabei Sacer“, antwortete Nicole.
Zyrus wusste nicht, was sie mit diesen Worten sagen wollten. Er konnte Latein und sie besagten irgendein Insekt sei heilig. Ein heiliges Insekt. Ob sie damit den toten Keymon meinten, der in seiner ganzen Hässlichkeit die Kirche des Reverend beherrschte?
„Ich danke Euch“, sagte er Reverend mit gütiger Stimme. „Danke dass ihr mich daran erinnert mein Vertrauen nicht zu verlieren.“
„Wie sollen meine Aufgaben aussehen?“, wollte Zyrus von Nicole wissen. „Soll ich Pilot sein? Schütze?“
„Besprechen wir das an Bord“, antwortete sie. „Im Moment geht es um eine Aufgabe als Bewacher.“

Allan Stark

Allan Joel Stark, wurde 1968 in New York geboren, lebt aber seit dem 5. Lebensjahr in München. Zeichner, Maler, Schreiber, phantasiebegabter Wanderer, zwischen den Welten. Schon früh fiel er seinen Freunden durch diese Eigenschaften auf. Die Erschaffung seines NOMADS Kosmos, scheint geradezu vorherbestimmt. Starks künstlerische Fähigkeiten, bereichern diesen Kosmos, dessen Grundlagen er schon in frühen Jugendjahren gelegt hat. In den Jahren zwischen 1988 und 2010, lebte er gewissermaßen aus dem Koffer und suchte das Abenteuer auf verscheidenen Kontinenten. Ein ereignisreiches Jahr in Tansania prägte seine Sicht auf archaische Gesellschaften und deren spirituellen, bzw. kulturellen Reichtum. Armut und Reichtum, gepaart mit der Südseeidylle auf den Philipien, hinterließen bei ihm einen nachhaltigen Eindruck. Die USA durchreiste er einige Male und lernte die Unterscheidlichkeit der einzelnen Bundesstaaten und ihrer Bewohner kennen. Die Erfahrungen aus jener Zeit, fliessen in seine Texte ein und sind Inspirationsquelle für fremde, ausserirdische Kulturen, die er in seinen Romanen beschreibt. "Ich habe die Welt als einen dynamischen Kosmos erlebt, in dem alles miteinander verbunden ist, voneinander schöpft und sich beeinflusst. Nichts bleibt ohne Ausgleich. Ein geschlossenes System, in dem alle unsere Taten auf uns zurückfallen." A.J. Stark ist erfolgreicher Selfpublisher, arbeitet aber auch mit verschiedenen Verlagen zusammen, bei denen er seine Romane veröffentlcht. Sein Genre ist die Spaceopera, in die etliche Fantasy Elemente einflißen und in dem er seine künstlerische Freiheit am besten ausleben kann. Als Künstler bestritt er mehrere Ausstellungen und verkaufte seine Bilder über verscheidenen Galerien. Er illustriert die meisten seiner Bücher selbst.

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