Leseprobe! NOMADS 11 - Gesprengte Ketten

Wie immer, frisch aus der Feder und noch unlektoriert. Ich bin natürlich stets für Anregungen und Vorschläge dankbar.

Milner landete den Gleiter auf einem Felsvorsprung oberhalb des Tempels, dessen Spitze über den Rand des verzweigten Canyons hinaus ragte. Der Abend zog herauf und allmählich schmückte sich der Himmel mit Sternen. Inzwischen prangte auch ein kleiner silberner Marshall-Stern an Zyrus Brust, dessen Mitte ein grinsender Totenkopf zierte. Scrarabei Sacer stand über dem Schädel auf einem Metallkreis, der die Spitzen des Sternes einfasste und Centurio darunter.
Es war eine schnelle Beförderung gewesen, die ihm durch den Reverend zuteilgeworden war. Ein Privileg, das er nutzen musste, um Jablonskis Tochter zu befreien und von hier zu fliehen. Er hatte keine Ahnung, wie schnell er handeln musste. Gewiss würde Jablonski keinen weiteren Tag verstreichen lassen, bis er hier auftauchte. Wenn er der umsichtige Krieger war, den der Reverend skizzierte, schien es aber auch unwahrscheinlich, dass er in den nächsten Minuten aufkreuzen um Ärger zu machen.
Zyrus genoss die frische Abendluft und sah in das Tal hinunter. Die Siedlung lag dunkel und düster im Schatten der Felsen. Kaum ein Licht brannte in den Straßen und Gassen. Ob es wegen des bevorstehenden Angriffes war oder zur Eigenheit der Bewohner gehörte, konnte Zyrus nicht sagen. Er wagte nicht, sich auszumalen, was in den Häusern und Barraken an Abscheulichkeiten geschah. Das Dunkel passte gewiss zur Lebensweise der Fledds oder den Leute, die aus irgendeinem seltsamen religiösen Gefühl, die Nähe der Verbrecher suchten.
„Jetzt stecken wir wegen dir im Schlamassel“, sagte Nicole Frasier, die aus dem Gleiter zu Zyrus gekommen war. „Ich wäre jetzt lieber auf dem Weg nach Norden.“
Zyrus versuchte, irgendetwas Verwegenes zu sagen. „Ein ordentlicher Kampf würde mir guttun.“
„Bist du deshalb zu Mendler gegangen?“
„Ja. Aber es ist kaum was passiert. Es war ziemlich langweilig.“
„Na dann wird dir Jablonski Besuch bestimmt gefallen. Mit dem ist nicht zu spaßen. Es wäre besser gewesen, seine Tochter wegzubringen, anstatt ihn zu ermuntern herzukommen.“
„Wir sind doch gut geschützt, dachte ich. Wo sind die Kanonen überhaupt?“
Nicole deutete auf zwei Hügel westlich und östlich des Canyons. „Sie sind doch gut zu sehen. Zur Abschreckung.“
„Wenn er ein Kommando schickt, um sie auszuschalten?“
„Das Gelände ist gut geschützt. Da kommt so leicht niemand durch.“
„Minen?“
„Willst du mich aushorchen?“
„Nein“, log Zyrus. „Ich will nur wissen, ob wir sicher sind. Das war jahrelang mein Job.“
Nicole versenkte ihren Blick einige unangenehme Momente in Zyrus Augen. „Ok. Dann mach weiter damit. Wir brauchen fähige Leute.“
„Gibt es Meldungen, wo Jablonski jetzt ist?“
„Nein. Wir bekommen Bescheid, wenn sich etwas dem Lager auf hundert Kilometer nähert.“
Zyrus versuchte, in der zunehmenden Dunkelheit weitere Details der Umgebung zu erkennen. Gab es Wege nach unten in die Siedlung? Er konnte keine sehen, aber sie mussten da sein. Strategisch, taktisch waren sie notwendig. Er wollte etwas Zeit gewinnen.
„Hat der Reverend wirklich vor, Jablonskis Tochter an den Mund der Wahrheit zu verfüttern?“, fragte er.
„Natürlich“, antwortete Nicole etwas irritiert. „Er steht zu seinem Wort und sagt nichts nur so dahin. Wenn Jablonski sich dämlich verhält, ist es aus mit ihr.“
„Dann wird er bestimmt angreifen.“
„War das nicht dein Gedanke?“
Nicht ganz, aber er trug nun eine Mitschuld an Ramona Jablonskis Schicksal. „Ich denke, wir sollten sie nicht gefährden. Wenn Jablonski sich hinreißen lässt die Stadt zu vernichten, will Curtis dann mit ihr untergehen?“
Nicole schien unschlüssig, was Zyrus zeigte, dass sie den Reverend nicht durch und durch für einen Heiligen hielt.
„Wenn er sein Werk fortsetzen möchte“, meinte sie, ein wenig unsicher, „sollte er eine Flucht in Betracht ziehen.“
„In der Bibel gibt es etliche Heilige, die auf der Flucht waren“, legte Zyrus nach. „Ich kenne keinen, der absichtlich in sein Unglück gelaufen ist.“
„Dann muss der Reverend eben ein neues Kapitel mit seinem Blut schreiben.“
Zyrus meinte, einen Pfad erkannt zu haben, der einige Meter entfernt begann und an der steilen Felswand entlang nach unten führte. Er endete bei einigen Häusern, an der Nordseite des Tabernakels.
„Den Willen des Herrn zu erkennen ist nicht leicht“, sagte Zyrus. „Aber Curtis meinte, der Herr habe sich ihm wieder zugewandt.“
Nicole studierte Zyrus Gesicht und schien auf eine Erklärung zu warten.
„Wenn das so ist“, fuhr Zyrus fort, „wäre es dumm nicht an eine Rettung durch Flucht zu denken. Oder ist der Herr launisch wie ein heidnischer Gott?“
Nicole Frasier dachte nach. Sie sah zu den Kanonen hinüber. „Warten wir ab, was die Cherubim tun werden.“
„So nennt ihr die Dinger?“
Sie deutete erneut auf die Hügel. „Ariel im Westen und Gabriel im Osten.“
Zyrus erinnerte sich daran, das es in der Genesis hieß, zwei Engel würden das Paradies bewachen, nachdem Gott die Menschen hinausgeworfen hatte. Welche Leute auch immer die Bibel geschrieben hatten. Das die Fledds ihr abscheuliches Verbrechernest, mit dem Garten Eden gleichsetzten, würde die Schreiber mit Abscheu erfüllen.
„Sorgen wir dafür, dass der Satan draußen bleibt.“